Verfasst von: swissasia | 7. Januar 2010

Gestorben wird in Neunergruppen

Heute stirbt sichs gut…

Ich starre auf die dicken Speckwulste, die aus dem Hals des Abtes eine Art Ballon machen. Es ist ein Ballon, auf dem der Mönchskopf als runde glänzende Kugel thront, die im Takt zu seinem eigenen Gesang hin und her schaukelt. Die Wulste blähen sich mit jedem Laut, den der Mönch in die Menge ruft auf. Es ist ein Totengesang, von dem ich kein Wort verstehe. Ich rutsche ein Bisschen zur Seite und lasse mein Gesäß auf dem Teppichboden ruhen, um endlich meine Knie etwas zu entlasten. 40 Minuten Kniepose ist nichts für meine westlich gebaute Statur, denke ich und frage mich, ob denn der aufgeblähte Hals des Mönchs nicht jeden Moment platzen könnte.

Eine totsichere Geldmaschine
Erst als ich unsanft in die Seite gestoßen werde, merke ich, dass ich längst abgeschweift bin. Ich solle mich wieder richtig hinknien, gibt mir der ältere Herr zu meiner Linken mit eindeutigen Handzeichen zu verstehen. Ich blicke mich um, und wirklich: Ich bin nicht nur der einzige Europäer im Raum sondern auch der einzige der sitzt. Alle anderen der rund 200 Leute in der von Neonlicht durchfluteten Halle knien andächtig und folgen devot dem Gesang des Abtes und seiner fünf Gehilfen. Es ist eine ernste Angelegenheit. Es geht schließlich um Leben und Tod hier. Oder besser gesagt zuerst um Tod und dann vielleicht um Leben. Ich habe mich nämlich entschieden am 12.12.2007 ein neues Leben zu beginnen. Heute sei ein gutes Datum, hat mir der Mönch, der am Eingang zum Tempel die Leute segnet versichert. Eigentlich sei aber jeder Tag gut, fügte er auch gleich an, als ich fragte, warum denn die riesengroßen Parkplätze vor dem Tempelgelände heute noch fast leer seien. Die Parkplätze seien aufs Wochenende ausgelegt und deshalb erschienen sie heute relativ leer. Es ist wohl alles eine Frage der Optik, denke ich mir, genau so wie der dicke Hals des Abtes, der wohl seiner Stimme mehr Volumen verleiht, für mich jedoch vielmehr ein Beweis ist, dass dieser Wohltäter sich offensichtlich auch ganz gut um sein eigenes Wohl kümmert. Denn seit er das Amt des Abtes vor  drei Jahren übernommen hat im Wat Prommanee geht es rund in diesem mittlerweile landesweit bekannten Tempel in der Nähe von Nakhon Nayok. Busladungen von sterbewilligen Thais pilgern an den Ort, der allen einen Neuanfang verspricht. Es hat sich längst herumgesprochen, dass man hier für ein paar Baht etwas kriegt, das man sonst nur einmal bekommt: Ein neues Leben. Was für den Tempel innert Kürze zum Goldesel geworden ist, lockt mittlerweile Tausende von Besuchern in die beschauliche, ländliche Gegend. „An guten Wochenenden sind es über 700 Leute pro Tag“, erzählt der Mönch, der mir für 100 Baht mit weißer Tanakapaste ein buddhistisches Zeichen des Segens auf die Stirne malt.  Wenn man die Zeremonie wirklich ernst nehme, müsse man dreimal hierherkommen, erst dann sei sicher, dass das neue Leben auch wirklich das Glück verspreche, das man wolle.

Im Einklang mit den Zehen
Einmal ist aber für mich genug!  Das sagt mir schon der Schmerz in meinen Knien, der jetzt kaum mehr auszuhalten ist und ich befürchte, dass es wohl längst nur noch ein paar letzte Tröpfchen Blut sind, die die Reise bis in die letzen Enden meiner Zehen schaffen, so taub wie sich die anfühlen. Das Leben ist offenbar auch als Buddhist ein Leidensweg, nicht nur als Christ, schießt es mir durch den Kopf. Doch das sanfte und freundliche Zunicken meines Nachbarn gibt mir Mut. Endlich fühle ich mich in Einklang mit mir, meinen Zehen, meinem Nachbarn und den wundersamen Tönen aus dem dicken Hals des Abtes und ich bin bereit für den Sarg. Es ist ziemlich genau eine Stunde her, seit ich beim Kassenhäuschen das Ticket für meinen letzten Gang gekauft habe und mit mulmigem Gefühl den üppig geschmückten Raum mit den neun offenen Särgen betrat. Nun ist es also so weit. Der Hals des Abtes hat gehalten und zusammen mit den Rund 200 anderen Leuten im Raum werde ich also in wenigen Minuten dieses Leben verlassen. In Reih und Glied stehen wir an, denn gestorben wird in Neunergruppen.

544 Jahre älter
Plötzlich entsteht Hektik und mein innerer Einklang wird innert Kürze zum Techno-Beat.  Langsam findet auch das Blut wieder den Weg in meine Zehenspitzen. Wie Parkplatzeinweiser nur ohne Trillerpfeife winken nun die Mönche die Sterbewilligen im 2-Minuten-Takt ins neue Leben. Einsteigen, abliegen, beten und ab ins neue Abenteuer! Ich bin als nächster dran. Mein Mund fühlt sich trocken an und ich wünsche, ich hätte mir vor einer Stunde beim Eingang zum Tempel doch noch eine Tasse Espresso genehmigt, statt diese aufs nächste Leben zu verschieben. Jetzt ist es zu spät. „Die nächsten bitte!“ schon führt mich ein Mönch in orangefarbener Robe vor meinen Sarg. Blau ausgekleidet wie die Tiefen des Meeres liegt die Holzkiste zu meinen Füssen. Eine kleine Stufe erleichtert den Einstieg ins Jenseits. Ein kurzes Zögern, zwei Schritte und da liege ich auf dem Rücken, die Hände gefaltet, Orchideen auf dem Bauch. “Wo ist Petrus?” schiesst es mir durch den Kopf, doch schon fegt der Deckenventilator über mir die letzen Erinnerungsfetzen meines alten Lebens weg und langsam schließt sich der Sarg. Meine Augen bleiben offen, denn ich will sehen wie es ist, tot zu sein. Mönchsgesang, erfüllt die Enge der Kiste und über mir schwebt ein hellbläuliches Tuch wie eine Schaumkrone, die gegen das Dunkel des Meeres kämpft. So habe ich mir sterben nicht vorgestellt und ohne es zu merken bin ich auch bereits wiedergeboren. Der Mönch, der mich zum Ende des letzten Lebens begleitete, ist auch schon da, er war offenbar schneller als ich. Er streckt mir die Hand entgegen und hilft mir aus dem Sarg. Da bin ich also. Neu geboren und gleich 544 Jahre älter. Denn ab heute werde ich nun wohl definitiv auch ein buddhistisches Geburtsdatum haben, nämlich den 12.12.2551.

Pascal Nufer, Journalist Bangkok

Verfasst von: swissasia | 28. Dezember 2009

Vom Drachendelta nach Shangri-La: SF bereist den Mekong

SF Weihnachtsserie: Mit Daniela Lager entlang dem Mekong

Daniela Lager unterwegs auf dem Mekong

Der Mekong verbindet, teilt, ernährt, zerstört und bewegt die Menschen. Jahrtausende alte Mythen umranken ihn und für seine Zukunft sehen viele Wissenschaftler schwarz. Die neunteilige Reise auf dem längsten Fluss Südostasiens soll Einblick geben in eine Welt, die voll und ganz geprägt ist von einer Abhängigkeit dieser Mutter aller Wasser. Eine Abhängigkeit, die für die meisten Länder im unteren Flusslauf heute auch eine Abhängigkeit von den Launen Chinas ist. Wir starten da, wo sich der Mekong im südchinesischen Meer verliert und Enden dort, wo der britische Autor James Hilton den Horizont verlor: in Shangri-La, am Tor zu Tibet. Eine Reise entlang dem Mekong ist unweigerlich auch eine Reise ins Herz der buddhistischen Tradition.

RADIOBEITRAG:

Beitrag DRS1: Vom UBS Banker zum Wohltäter

Artikel in der Schweizer Illustrierten:

Lebensader Mekong

(Fotos: Pascal Nufer, Journalist Bangkok)

Weiteres zum Thema auf der SF-Seite:

http://www.sf.tv/sendungen/10vor10/mekong.php?docid=uebersicht

Verfasst von: swissasia | 27. Dezember 2009

Ein thailändischer Fischer erinnert sich an den Tsunami

“Wenn das Meer geht, kommt es wieder”

Fünf Jahre sind vergangen, seit das japanische Wort „Tsunami“ auf tragische Weise die Welt eroberte. Ein gewaltiger Erdstoss vor der Küste Indonesiens löste am 26. Dezember 2004 eine Todeswelle aus, die über 230 000 Menschen das Leben kostete und als eine der grössten Naturkatastrophen in die Geschichtsbücher einging. Die damals zerstörten Küstenabschnitte sind zwar längst aufgeräumt, die Erinnerungen an die Welle sind aber nach wie vor sehr präsent.

(Artikel erschienen in der Neuen Zürcher Zeitung, NZZ)

RADIOBEITRAEGE ZUM THEMA:

DRS3 Beitrag: “Ein Fischer erinnert sich”

DRS1 Beitrag: Tsunamiwarnsystem

Laut knattert der Motor des thailändischen Fischerbootes. Die Gischt spritzt links und rechts den rot bemalten Planken entlang hoch. Breitbeinig steht Sathorn Thon Talee auf der Heckbank. Er hält die lange Stange, an deren unterem Ende die Schiffsschraube sitzt, fest in den Händen und steuert sein Boot. Es sind Hände, die geprägt sind von einem harten Fischerleben, von Stürmen und Fluten. Tiefe Furchen zeichnen das bronzefarbene Gesicht des 45-jährigen Mannes; Furchen, die Geschichten erzählen.

Mein Element ist das Wasser

Angst habe er keine, sagt er, während er die Augen zusammenkneift und das Boot mit Blick auf den Horizont aus den Mangrovensümpfen vor Kuraburi hinaus aufs offene Meer manövriert.  Und irgendwie glaubt man dem Mann, der wirkt, wie ein Mensch, den nichts mehr erschrecken kann. Er habe einen Tsunami überlebt und kenne die Sprache des Meeres, lautet die einfache aber überzeugende Erklärung. „Von da kam die Welle“, sagt Sathorn Thon Talee und zeigt dorthin, wo Himmel und Wasser zu einem hellblauen Streifen verwachsen. Er spricht heute nüchtern über den 26. Dezember 2004, den Tag, der nicht nur sein Leben, sondern das Leben seiner ganzen Familie, seines Dorfes, seiner Insel und wohl auch eines grossen Teils seiner Heimat-Provinz Phang-Nga veränderte. Viel weiter als bis zu seinen Provinzgrenzen kenne er sich nicht aus. „Mein Element ist das Wasser und nicht das Festland“, fügt er an.  Und das kam den Bewohnern seines Fischerdorfes auch damals, vor fünf Jahren zu gute: Sathorn Thon Talee kennt das Meer, wie kaum ein anderer.

Start in ein neues Leben

Mueang Mai war eine kleine Siedlung mit rund 100 Einwohnern. Ein typisches thailändisches Fischerdorf mit Häusern auf Stelzen auf einer kleinen Insel gelegen, ein paar Kilometer dem Festland vorgelagert. „Plötzlich war das Wasser weg“, erinnert sich Thon Talee an den Moment kurz vor dem Eintreffen des Tsunamis, als sich der Meeresspiegel innert kurzer Zeit um mehrere Meter absenkte: „Ich wusste, wenn das Meer geht, kommt es wieder.“ Die gesamte Dorfbevölkerung rannte auf den nächsten Hügel und noch bevor die Wassermassen zurückkamen und mit zerstörerischer Wucht über die Stelzenhäuser von Mueang Mai donnerten, waren alle Menschen in Sicherheit. Alle überlebten, doch die gesamte Lebensgrundlage des Fischerdorfes war innert Minuten weggespült. „Es war schlimm, doch heute muss ich sagen, dass dies der Start war in ein neues Leben“, sagt Sathorn Thon Talee und kramt aus einer Kiste auf seinem Boot ein Notizbuch hervor.

Vom Fischer zum Touristenführer

Es ist seine Buchhaltung, eine Art Milchbüchlein. Voller Stolz zeigt er die feinsäuberliche Auflistung von Daten, Namen und Geldbeträgen. „Dank dem Tsunami habe ich gelernt Buch zu führen und bin jetzt nicht mehr nur Fischer, sondern Businessmann“, sagt er und die tiefen Furchen um seine Lippen verziehen sich zu einem breiten Grinsen. Gelernt habe er das von den Schweizern, sagt er und meint damit die DEZA, die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit. Denn sein Boot ist eines von 73 Booten, die im Rahmen der Schweizer Tsunamihilfe gespendet wurden. Auch wenn das DEZA-Logo längst überpinselt ist, spricht der thailändische Fischer gerne über die Hilfe aus der Schweiz. „Ich war der offizielle Bootsfahrer der DEZA und musste deshalb über alle meine Fahrten Buch führen.“ Nicht nur das hat er gelernt von den Fahrten mit  DEZA-Leuten,  Politikern oder Journalisten. „Alle waren immer begeistert von der Schönheit der Inselwelt und nicht wenige kamen sogar privat wieder und wollten wieder eine Bootstour.“ Der findige Fischer merkte bald, dass sich damit auch Geld verdienen lässt. Er verteilte seine Telefonnummer an Reisebüros am Festland und fährt heute regelmässig Touristen aus den nahegelegenen Massentouristenorten Kao Lak und Phuket an verborgene Strände und glasklare Schnorchelplätze. In diesem Jahr habe er bereits an 57 Tagen Touristen herumgefahren, erzählt er mit Blick auf seine Milchbuchrechnung. Insgesamt gehe es ihm heute eigentlich so gut, wie noch nie in seinem Leben. „Ich verdiene heute viermal so viel, wie vor dem Tsunami und kann endlich meinen drei Kindern eine Zukunft garantieren.“ Für den 16-jährigen Sohn Nattaphong hat die Zukunft bereits begonnen. Er hilft seinem Vater schon jetzt regelmässig auf dem Boot und ist fest entschlossen bald selber Touristen herumzufahren. Sein grösster Wunsch ist ein eigenes Boot. Doch bis dahin muss er sich noch etwas gedulden. Denn zuerst bekomme die älteste Tochter Pilaiporn einen Computer sagt Vater Sathorn Thon Talee. „Sie will in Phuket studieren und braucht wohl einen Laptop, wir leben ja auch hier im 21. Jahrhundert.“

Moderne Technik

Wie als Beweis, dass auch er selber den Anschluss an die moderne Welt nicht verpasst hat, zieht der Fischer sein Handy aus der Tasche und verkündet,  dass er sich als nächstes ein Telefon mit Satellitennavigation anschaffen wolle, so wie viele Touristen es schon hätten. Das Handy ist für ihn heute nebst dem Boot und den Fischereiutensilien zum wichtigsten Werkzeug geworden. „Ich brauche es nicht nur für die Buchungen von Bootstouren, sondern auch wegen der Tsunamiwarnung.“ Denn all dem seit Generationen überlieferten Wissen zum Trotz vertraut auch er heute auf die Technik und ist froh, dass es mittlerweile ein Tsunami-Frühwarnsystem gibt. „Wenn in Indonesien die Erde einmal wieder so stark bebt, dass es einen Tsunami geben könnte, weiss ich das spätestens zehn Minuten später, das gibt mir Sicherheit“, sagt er, zündet sich eine Zigarette an und steuert sein Boot zielsicher in Richtung Pier, der ebenfalls mit Schweizer Hilfsgeldern gebaut wurde.

Pascal Nufer, Journalist Bangkok

Verfasst von: swissasia | 8. Oktober 2009

Der Berg ruft – oder zu Fuss auf den Wolkenkratzer

Banyantree Bangkok

Banyantree Bangkok

Was vermisst ein Schweizer in Thailand am meisten? Richtig: Käse und Schokolade. Das glauben mir immer alle. Es entspricht nicht nur den Klischees, sondern beruhigt auch alle Freunde, die aus der Heimat zu Besuch sind und mal wieder sondieren wollen, wie es denn so steht um die Wurzeln und den Bezug zur Heimat. Im zweiten Satz nenne ich dann gerne auch geistreichere Dinge wie zum Beispiel die Demokratie, die Jahreszeiten, den Wein oder die Berge. Ja, die Berge, die ja schon seit Jahrhunderten so viel Heimweh mit ebenso viel Tränen verursachten, wie jeden Sommer Schnee von ihnen schmilzt. Seit ich hier bin, suche ich sie vergebens und immer noch ertappe ich mich dabei, wie mein Blick hilfesuchend den Horizont abgrast, in der Hoffnung, irgendwann im Dunst der Smogglocke doch einmal noch die Zacken der Mythen oder der Berner Alpen auszumachen.

Die Berge sind ja für uns Schweizer so etwas wie unsere Horizontbegrenzung. Der Rand, der uns vor dem bösen Abgrund schützt sozusagen. Und wenn wir hinaufsteigen auf ihre Gipfel, dann immer nur, um mit zusammen gekniffenen Augen in die Ferne zu blicken und dann mit Genugtuung festzustellen, dass das unbekannte Fremde in sicherer Entfernung liegt und es unten in den Tälern trotz engem Horizont immer noch viel gemütlicher ist. Doch was macht man, wenn dieser gemütliche Horizont plötzlich fehlt? Wo ich Schokolade, Käse und Wein kaufen kann in Bangkok, wusste ich bald. Doch Berge kann man selbst in Thailand nicht kaufen, die muss man erklimmen. Und das habe ich nach vier Jahren jetzt endlich geschafft. Mein Berg heißt Vertigo.

Am Ende des Anfangs

180! Nein, es ist leider noch nicht die Zahl der Meter über Boden, sondern nur die Zahl, die der Pulsmesser anzeigt. 180 und erst bei Stock 10. Meine schlimmsten Zweifel scheinen sich zu bewahrheiten. Ich hätte wohl doch trainieren sollen, bevor ich mich auf dieses Abenteuer einließ: 196 Meter, aufgeteilt in 61 Stockwerke oder 1093 Treppenstufen und das alles zu Fuß. Jetzt ist es zu spät. Vor mir trippeln federleicht die Fußsohlen meines Kollegen Alex immer schön auf meiner Augenhöhe Stufe um Stufe dem Ziel entgegen. Noch buchstäblicher könnte ich ihm gar nicht auf den Fersen sein. Es riecht nach Lösungsmittel und sticht leicht in der Lunge. Wir sollten aufpassen, bei Stock 10 hat uns die überfreundliche Dame vor ein paar Minuten in der klimatisierten Hotellobby noch gewarnt. Sie tönte leicht besorgt und erklärte uns, dass noch nicht alles fertig sei und im Moment noch auf verschiedenen Stockwerken gebaut würde. Von unserem Vorhaben ließen wir uns deswegen nicht abbringen. Wir wollten ihn um jeden Preis erklimmen, einen der höchsten Gipfel Bangkoks und zwar aus eigener Muskelkraft und nicht per Fahrstuhl, wie das die meisten machen. Der Wolkenkratzer, in dessen düsterem Bauch wir uns im Moment nach oben quälen, beherbergt das Fünfsterne Hotel Banyan Tree und ist berühmt für sein Freiluftrestaurant fast 200 Meter über den Strassen Bangkoks: Das Vertigo. Wie sehr wünsche ich mir, jetzt schon da oben bei einem eisgekühlten Drink zu sitzen, mich von langweiligem Lounge-Jazz besäuseln und meinen Blick über die Dächer Bangkoks schweifen zu lassen.
Skybar Vertigo Bangkok

Skybar Vertigo Bangkok

Stattdessen klammere ich mich an meine Wasserflasche und kämpfe wie Sisyphus gegen die Gravitation. 33 Grad Celsius zeigte das Thermometer, als wir vor sechs Minuten durch die unscheinbare Metalltüre ins Treppenhaus schlüpften. Je höher wir uns in diesem Stufen-Nirvana spiralförmig nach oben schrauben, desto wilder beginnen auch meine Gedanken zu kreisen. Alex’ Füße vor meinen Augen verwandeln sich langsam in Kolben einer Maschine, die in immergleichem Rhythmus Treppenstufe um Treppenstufe nach unten drücken. Mein Schweiß wird zum Schmieröl dieser Mördermaschine. Ich erinnere mich an Bilder des berühmten Surrealisten M.C. Escher, und befürchte auf einer seiner endlosen Treppen gelandet zu sein. Eine Treppe deren Ende immer wieder zum Anfang wird und auf der man vergebens ein Ziel sucht.

Unser Sherpa

Wir haben die Hälfte hinter uns und plötzlich wechselt die Farbe des Bodens zu Grün. Eine Tür öffnet sich. Baulärm umgibt den Mann im dunklen Anzug, der jetzt lächelnd das Treppenhaus betritt. Wie eine Erscheinung aus dem Nichts steht er im Türrahmen und nickt uns freundlich zu, um uns von nun an schweigend zu begleiten. Er sei für unsere Sicherheit verantwortlich, hatte uns die freundliche Frau schon unten im tiefen Tal sein späteres Dazustoßen vorangekündigt. Er würde uns in einem Notfall zur Seite stehen, sagte sie und Notfälle kommen ja vor, wenn man Berge besteigt; als Schweizer weiß man das. Gletscherspalten gibt es hier zwar keine, Wetterumbrüche und Lawinen auch nicht, abstürzen könnte man aber schon. Mein Blick wandert übers Treppengeländer unter dem sich der tiefe Abgrund öffnet. Es wird mir ein bisschen schwindlig. Vielleicht habe ich ja auch schon Anzeichen von Höhenkrankheit oder sind es doch eher die Dämpfe des frisch gestrichenen Treppenhauses, die dieses leicht besäuselte Gefühl hervorrufen? Noch 15 Stockwerke trennen uns vom blauen Himmel. Ruhig lächelnd folgt uns der Wachmann, in Anzug und Krawatte, ohne sichtliche Anstrengung beschützt er uns vor den Launen des Berges. Ich stelle mir vor, er sei unser Sherpa, der uns -wenn auch nicht aufs Dach der Welt, immerhin aufs Dach des Hotels Banyan Tree in Bangkok begleitet. Unsere Schritte gehen langsamer. Ich glaube, die Luft ist schon dünner hier oben und ich spüre meine Beine, die sich langsam mit Blei füllen. Die Kolben der Mördermaschine stampfen langsamer, das Schmieröl läuft in Strömen. Ein letztes mal wendet sich die Treppe nach rechts und da sind wir: 61 steht mit roter Farbe an die graue Wand gepinselt. Mit einer stillen Handbewegung weist uns unser Sherpa den Weg zum Gipfel. Vorbei an den gigantischen Kompressoren der Hotelklimaanlage über eine letzte Treppe erreichen wir endlich das Ziel und nach genau 13 Minuten und 50 Sekunden endet dieser Alptraum. 196 Meter über Boden blinzeln wir in die grelle Sonne. Ich kneife meine Augen zusammen, schaue in die Ferne und frage mich, ob das da drüben hinter dem Fluss wohl Österreich, Deutschland oder sogar Italien ist. Hätte mich nicht das freundliche „Herzlich willkommen“ des Restaurantmanagers zurück in die Realität katapultiert, wäre ich wohl nie ganz sicher gewesen, ob ich nicht doch über den Rhein statt über den Chao Praya blicke. Denn so weit oben verliert man gern einmal den Bezug zur Realität.

Kleiner Nachtrag

Der Sieger des 11. Vertical Marathons im Banyan Tree hat den Wolkenkratzer am 20. September in gerade einmal 6 Minuten und 27 Sekunden bezwungen. Die schnellste Frau in der Klasse 50+ war in 9:49 am Ziel… Wie stehen wir denn jetzt da?!

Pascal Nufer, Journalist, Bangkok

Verfasst von: swissasia | 8. Oktober 2009

Erdbeben Indonesien

Die Hoffnung stirbt zuletzt

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Ueberlebende des Erdbebens versuchen in den Alltag zurückzukehren,
Foto: Pascal Nufer

Was hat ein Erdbeben mit einem Tsunami zu tun? – Sehr viel sagen die Geologen: Das eine ist der Auslöser des anderen. Doch die Folgen der beiden Ereignisse, die im Moment gerade wieder inflationär als verheerend beschrieben werden, sind nicht immer die gleichen und oft auch nicht vergleichbar. Auch wenn wir Journalisten es gerne hätten, lassen sich Katastrophen nur selten wie Modetrends oder Musikstile schubladisieren und so verkommt die Berichterstattung häufig zu einem  händeringenden Versuch, etwas einzuordnen, was sich nicht einordnen lässt.

Da ist er wieder! Dieser Geruch, den man – einmal gerochen – nie wieder vergisst und der gerne als süsslich beschrieben wird: Der Leichengestank hat für mich nichts mit Süsslich gemein. Es ist ein Geruch, bei dem sich, sobald auch nur ein kleiner Fetzen meine Nasenflügel streift, vor meinem Auge gleich unendliche Filmschlaufen abspulen: Berge von Leichen auf Pickup-Trucks, menschliche Körper, die als solche längst nicht mehr erkennbar und höchstens noch eine entstellte Fratze dessen sind, was sie einmal waren. Diese Bilder, die sich tief in die Abgründe meiner Erinnerung verkrochen hatten, sind auch jetzt wieder präsent und ich klopfe sie verzweifelt als Referenz ab, um das, was ich gerade hier erlebe irgendwie abzugleichen. Doch es gelingt nicht. Der Tsunami in Phuket hat nichts mit dem Erdbeben in Padang zu tun.

Erdbeben Indonesien

Erdbeben Indonesien

Überlebenschancen gleich Null

Und trotzdem ist man versucht zu vergleichen: Wie war das denn damals, wie ist das jetzt heute? Katastrophen lassen sich aber nur schwer als Blaupausen übereinanderlegen, wie ich eigentlich weiss. Doch Verstand und Erinnerung liefern sich ein Gefecht, wenn man vor den Trümmern eines Dorfes steht, in dem einmal 200 Leute gelebt haben und man erklären soll, wie es den Menschen denn jetzt hier, fünf Tage nach dem Beben geht und was sie wohl am dringensten brauchen. Wer weiss das schon? Der Motorradtaxifahrer, der in den Trümmern nach seiner Tochter sucht weiss, dass ihm fünf Tage nach dem Beben auch die beste Hilfsorganisation der Welt nicht das zurückgeben kann, was ihm die ruckeligen Launen von Mutter Erde geraubt haben: Warme Decken, nagelneue Kochtöpfe oder Plastikplanen mit dem funkelnden Logo eines Hilfswerks nützen nichts gegen die eiternden Wunden die die Seele dieses Mannes quälen. Seine Tochter hat das Beben nicht überlebt, sagt meine Erfahrung aus anderen Katastrophen. Nüchtern und sachlich betrachtet tendieren nach über 72 Stunden die Überlebenschancen drastisch gegen Null. 5 mal 24 gibt 120 – Ich sage es dem Mann nicht.

Warten auf Hilfe, Foto: Pascal Nufer

Warten auf Hilfe, Foto: Pascal Nufer

Wundersamer Vergleich
Ohne mit den Wimpern zu zucken erkläre ich in den Abendnachrichten der Tagesschau des Schweizer Fernsehens SF trocken und distanziert, dass es üblich sei, dass “Such- und Rettungteams” fünf Tage nach einer Katastrophe ihre Sachen packen und wieder nach Hause fliegen. Der Motorradtaxifahrer weiss das auch, doch für ihn ist es die erste Erdbebenkatastrophe und er will nichts wissen von Erfahrungswerten aus anderen Katastrophen. Er hofft auf ein Wunder, sagt er mir und fährt mich zurück zu meinem Hotel, das seit heute morgen wieder fliessend Wasser hat. Er bedankt sich höflich dafür, dass ich extra für diese Berichterstattung nach Padang geflogen bin. Mein Geld will er nicht. Auch als ich es ihm aufzudrängen versuche, gibt er mir keine Chance mein gutes Gewissen mit ein paar Rupien zurückzukaufen und knattert zurück an den Ort, wo vielleicht ein Wunder der Erfahrung ein Schnippchen schlägt. Und ich bin versucht doch noch einmal den Vergleich mit dem Tsunami zu wagen:
War da nicht ein Mann, der nach zwei Wochen noch lebend aus den Trümmern geborgen wurde? – Oder war auch das nur eine Wunschvorstellung eines verzweifelten Vaters, der der Sachlickeit ausländischer Helfer und Journalisten nicht vertraute?

SF Korrespondent Pascal Nufer

SF Korrespondent Pascal Nufer

Pascal Nufer, Journalist, Bangkok

Verfasst von: swissasia | 4. Oktober 2009

SF Tagesschau: Erdbeben Padang, Indonesien

more about “SF Tagesschau: Erdbeben Padang“, posted with vodpod
Pascal Nufer, Journalist Bangkok
Verfasst von: swissasia | 22. September 2009

«Majulah Singapora», vorwärts Singapur!

Singapur will gruene Formel1,<br />
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Grosse Pläne hatte er schon immer, Singapurs Gründervater Lee Kwan Yu. Bereits vor 40 Jahren, als er den Stadtstaat aus der Taufe hob, träumte Lee von einem «sauberen und grünen Singapur». Ein Ziel, dass er bis heute nicht aus den Augen verloren hat.

Der Mann, der auch mit 86 Jahren im Hintergrund die Zügel immer noch straff in der Hand hält, will aus Singapur die grünste Stadt Südostasiens machen. Waren es anfangs vor allem grosszügig angelegte Parkanlagen, mit denen Singapur sauber und grün werden sollte, will Lee die Bevölkerung heute zum Umdenken bewegen. Mit Anreizen will er Firmen und auch Privathaushalte zum Energiesparen anregen. Wer die Umwelt besonders schont, darf seine Firma zum Beispiel mit dem «Energy Smart Office Label» schmücken.

Aber auch in Singapur, der Stadt mit Vorbildfunktion in Asien, läuft der Umweltschutz vor allem über das Portemonnaie. Schon in den Siebzigerjahren führte Singapur, als erste Stadt der Welt, ein «Road Pricing»-System ein: Wer morgens mit dem eigenen Auto zur Arbeit fährt, wird kräftig zur Kasse gebeten. Die Rechnung liegt dann pünktlich zum Monatsende im Briefkasten und kann sich locker auf 60 Franken und mehr belaufen. Doch es hat sich gelohnt: Heute ist Singapur nicht nur die einzige Stadt in Südostasien ohne Stau und Smog-Glocke, sondern auch der Ort mit dem besten öffentlichen Verkehrssystem, an dem sich selbst europäische Städte orientieren, wie die Einführung des Road Pricings in London zeigt.

Und schon ruft Gründervater Lee ein weiteres Mal: «Majulah Singapora!» Bis 2020 soll es weiter vorwärts gehen mit der grünen Stadt und der Energieverbrauch pro Kopf um 20 Prozent gesenkt werden. Da passt der erste grüne Grand Prix voll und ganz ins Konzept.

Singapur die Löwenstadt
Singapur ist ein Insel- und Stadtstaat und das kleinste Land in Südostasien. Seine Fläche ist gerade mal so gross wie der Genfersee. Der Name stammt aus dem Sanskrit und bedeutet «Löwenstadt». Von den insgesamt 4,9 Millionen Einwohnern sind rund 77 Prozent Chinesen, 14 Prozent Malaien und 7,9 Prozent Inder. Hinzu kommt eine grosse Zahl von Gastarbeitern. Der Tourismus ist eine wichtige Einkommensquelle, jährlich besuchen etwa 12,6 Millionen Touristen Singapur. Gegenwärtig gibt es rund 120 grosse Hotels, ihre Zahl wächst aber ständig. Touristen sind hier meist auf der Durchreise: Sie bleiben im durchschnittlich nur 3,67 Tage.

Pascal Nufer, Journalist, erschienen auf powernewz.ch

Verfasst von: swissasia | 22. September 2009

Singapur will gruene Formel1

Wenn die Nacht zum Tag wird

Wenn die Nacht zum Tag wird


Wenn die Nacht zum Tag wird.

Singapur liebt die Pole-Position: War die asiatische Finanzmetropole vor einem Jahr die erste Stadt mit einem Formel1-Grand Prix in der Nacht, will sie jetzt auch als erste dem Rennsport ein grünes Image verpassen.

Es ist taghell, auch wenn die Sonne längst hinter den Wolkenkratzern verschwunden ist und die Nacht über die Löwenstadt einbricht. 1′600 Scheinwerfer machen es möglich, dass der Kurs durchs nächtliche Singapur so sicher ist wie ein Rennen bei Tag. Wenn dieses Jahr die Formel1-Boliden durch Singapurs Hochhäuserschluchten donnern, dürfen sich zum ersten Mal auch umweltbewusste Rennsportfans freuen. Das Nachtrennen in Singapur soll nämlich das erste klimaneutrale Formel1-Rennen werden: «Motor Sports Green Powered» nennt sich das italienische Pilotprojekt, das auch für andere Rennen zum Vorbild werden soll.

Vom 25. bis 27. September flitzen die Formel1-Rennwagen wieder durch die Nacht.

Denn: Der Grand Prix bei künstlichem Tag schluckt umgerechnet etwa die halbe Leistung des Kernkraftwerks Gösgen, was irgendwie nicht so richtig zum Image von Singapur passt, das sich gerne als modernste Grossstadt Asiens gibt. Kein Wunder also, hagelte es nach dem letztjährigen Rennen Kritik von Umweltorganisationen, die das Nachtrennen als «pure Energieverschwendung» bezeichneten. Doch die Veranstalter reagierten schnell und nach einem kurzen Boxenstopp war klar: Singapur muss der erste grüne Formel1-Grand Prix werden.

Auch bei Nacht funktioniert der Boxenstopp reibungslos.

Und so soll nun die gesamte Energie, die das Rennen in Singapur verbraucht, mit erneuerbarer Energie kompensiert werden. Konkret ist es die Sonne, die den Strom liefert. «Wir bauten kurzerhand ein Solarkraftwerk, das schon innerhalb von zwei Monaten mehr Strom produziert, als wir mit dem gesamten Rennen verbrauchen,» erklärt Valerio Maioli sein Projekt. Der Italiener, der schon für die bahnbrechende Beleuchtung des Rennkurses verantwortlich war, will damit den Startschuss geben für eine neue Ära. «Das ist ein Meilenstein in der Geschichte des Rennsports.» Bis 2011, so sein Ziel, soll sein «Motor Sports Green Powered»-Projekt alle Formel1-Rennen klimaneutral machen. Singapur ist also erst der Anfang.

Pascal Nufer, Journalist, erschienen auf powernewz.ch

Verfasst von: swissasia | 20. September 2009

Chiang Rai: Die Thailändische Schweiz

Auf in die Berge von Chiang Rai!

Nordthailand

Nordthailand

Grüne Hügelzüge, wilde Bergbäche und fruchtbare Täler: Der Norden Thailands ist unbestritten eine der interessantesten Regionen des Landes. Nordthailand bietet sowohl landschaftlich, wie auch kulturell sehr viel. Schon ein paar Tage reichen, für einen kleinen Einblick ins Reich der einstigen Lannakultur.

Wenn Bangkok zu laut, zu stickig und zu heiss wird, ist es höchste Zeit für einen Ausflug in den Norden. – Denn Nordthailand hat vieles, was die Metropole Bangkok nicht hat: Kühle Nächte, neblige Morgen und eine grosse kulturelle Vielfalt. Touristisch ist die Region längst so gut erschlossen, dass nicht nur Trekkingfreunde und Backpacker auf ihre Rechnung kommen, der Norden Thailands entwickelt sich immer mehr auch zur Wellness-Oase. Das Tor zu Thailands kühleren Regionen ist meist Chiang Mai, es kann jedoch gut auch einmal Chiang Rai sein.

Vom Opium zum Kaffee
Die Stadt im Goldenen Dreieck steht zwar immer etwas im Schatten ihrer grossen Schwester, sie ist jedoch nicht weniger attraktiv. Ihre Lage am Kok Fluss, in Mitten einer fruchtbaren Ebene und zu Füssen des rund 1500 Meter hohen Doi Tungs verschafft Chiang Rai ein besonderes Flair. Dank dem Flughafen ist die Provinzhauptstadt gut an Bangkok angebunden und somit auch idealer Ausgangsort für Ausflüge ins Goldene Dreieck, Thailands ehemaliges Opiumanbaugebiet. Zum Beispiel auf den Doi Tung: Der höchste Berg der Provinz ist nicht nur beliebtes Ausflugsziel vieler Thailänder, sein Name steht heute auch auf Kaffeepackungen, Snacks und diversen Textilien, die in dieser Region produziert und meist in Bangkok verkauft werden. „Doi Tung“ ist eines der erfolgreichsten Entwicklungsprojekte des Königshauses und wurde 1988 von der Mutter des heutigen Königs Bhumibol Adulyadej ins Leben gerufen. Ihr Ziel war es damals, den Bauern, die zu jener Zeit zu einem grossen Teil vom Anbau von Schlafmohn lebten, alternative Einkommensquellen zu erschaffen. Wichtig war dabei auch, dass das unwegsame Gebiet besser erschlossen wurde, was einerseits den Bergdörfern einen besseren Zugang zu den Märkten im Tal bot, andrerseits aber bald auch Touristen anlockte, anfangs zwar noch spärlich, heute jedoch schon in Scharen. Nichts desto trotz lohnt sich aber die Reise auf den „Berg der heiligen Fahnen“, wie der Doi Tung übersetzt heisst. Die gut ausgebaute, kurvige Bergstrasse allein ist es schon wert, sich auf den höchsten Punkt im goldenen Dreieck hinaufzukämpfen. Zwar machen dies zur Hochsaison Dutzende von Reisecars mit thailändischen Touristengruppen genau so, jedoch bietet das ganze Gebiet genug Möglichkeiten, immer wieder den grossen Massen zu entfliehen.

Kok River bei Chiang Rai

Kok River bei Chiang Rai


Thailändische Schweiz

Das Herz des grossflächigen, meist bewaldeten Hügelgebietes ist der Königssitz mit dem Mae Fah Luang Garden, einem hübschen botanischen Garten, in dem es auf überschaubarem Raum Blumen, Sträucher und Tropenpflanzen zu bestaunen gibt: Von seltenen Orchideenarten über aufwändig gestaltete Blumenbeete bis hin zu vereinzelten Urwaldbäumen finden da Pflanzenfreunde alles, was das Herz begehrt. Gleich nebenan liegt die königliche Villa. Sie diente der Königsmutter, Prinzessin Srinagarindra während der Aufbauphase des Projektes als Sitz und kann heute teilweise besichtigt werden. Es ist unschwer zu erkennen, dass sich die Prinzessin beim Bau der Villa von ihrem langjährigen Aufenthalt in der Schweiz inspirieren liess. Das grosszügige Haus ist eine Mischung aus Schweizer Chalet und thailändischem Holzhaus, was denn auch der Grund ist, weshalb viele Thailänderinnen und Thailänder die Doi Tung-Gegend auch die thailändische Schweiz nennen. Alpine Gefühle weckt aber auch die Aussicht, die es vom Doi Tung aus zu geniessen gibt und die bei gutem Wetter weit hinein in die Ebene zwischen Kok-Fluss und Mekong reicht. Für Heimweh-Europäer empfiehlt sich eine Übernachtung in der Doitung Lodge, einem Resort auf 1000 Metern über Meer, das zwar von seiner Bauart eher an eine militärische Festung erinnert, als an eine Resort, aber immerhin ganz komfortable Zimmer mit Aussicht bietet. Frühaufsteher können von da aus ein Naturschauspiel beobachten, wie man es sonst eher aus den europäischen Voralpen, denn aus den Tropen kennt: Wenn die glühende Sonne aus dem Nebelmeer unter dem Doi Tung auftaucht, wird es schon richtig schwer zu glauben, dass man noch in Thailand ist. Ein weiterer Vorteil an einer Übernachtung auf dem Berg ist, dass man in der ersten Tageshälfte die Hauptattraktionen wie zum Beispiel den botanischen Garten, die Königsvilla oder das Arboretum (ein Baumpark mit einheimischen und exotischen Bäumen) besuchen kann und also noch vor den grossen Touristenströmen unterwegs ist.

Zeitgenoessische Tempelkunst bei Chiang Rai

Zeitgenoessische Tempelkunst bei Chiang Rai

Grenzerfahrungen
Auch die Fahrt zurück ins Tal kann zu einem besonderen Erlebnis werden, wenn man die richtige Route wählt. Eine Strasse verläuft über mehrere Kilometer auf einem Grat, der gleichzeitig die Grenze zwischen Thailand und Birma bildet. Wenn man sich von den diversen Militärposten, die man dabei passieren muss nicht einschüchtern lässt, wird man mit einer wunderbaren Aussicht über die Weiten des burmesischen Dschungels belohnt und landet schliesslich im Grenzort Mae Sai, dem nördlichsten Punkt Thailands. Ein kleiner Fluss bildet hier die Grenze zu Birma, oder Myanmar, wie das Land seit 1989 offiziell heisst. Über die Brücke gelangt man mit einem Tagesvisum in den burmesischen Grenzort Tachilek wo es allerlei günstige Edelsteine, Schmuck und anderes Kunsthandwerk der verschiedenen Bergstämme zu kaufen gibt. Für weitere Grenzerfahrungen bietet sich ganz in der Nähe das eigentliche Goldene Dreieck an, also der Punkt wo die drei Länder Birma, Laos und Thailand zusammenstossen und der Mae Sai-Fluss in den Mekong mündet. Allerdings gibt es da ausser ein paar Souvenirständen und Casinos auf burmesischem Boden nicht viel zu sehen, umso mehr lässt sich dieser Abstecher gut in den gleichen Tagesausflug mit Mae Sai packen.

Richtig ausspannen
Chiang Rai selber hat vor allem eine Sehenswürdigkeit: Den Nacht-Bazar, der im Vergleich zu dem in Chiang Mai viel kleiner und gemütlicher ist und in dessen Mitte abends häufig Tanzaufführungen oder traditionelle Konzerte stattfinden. Obwohl Chiang Rai älter ist, als Chiang Mai und ursprünglich die Hauptstadt des einstigen Lanna-Königreiches war, erinnert heute nichts mehr an die Blütezeit der früheren Königsstadt, die im 13. Jahrundert gegründet wurde. Historische Bauten sucht man vergebens und die Modernisierung schreitet auch hier schneller voran, als sie geplant werden kann. Wer ein paar ruhige Tage verbringen will im Norden, sucht sich besser eine Unterkunft um Chiang Rai herum, zum Beispiel auf halbem Weg nach Chiang Mai, im Suanthip Vana Resort. Umgeben von einer wunderschönen Gartenanlage lässt sich hier richtig gut ausspannen. Der grosszügige Pool und die Wege durch den hoteleigenen Park lassen einen den Alltagsstress innert kürzester Zeit vergessen. Ideal ist der Ort auch für Tagestouren in verschiedene Bergdörfer oder zum nahe gelegenen Mae Ngat-Stausee, auf dem man sich per Longtailboot herumgondeln lassen kann. Für die Rückreise kommt von hier aus sowohl Chiang Rai, wie auch Chiang Mai in Frage. Beide Städte liegen nur etwa eineinhalb Stunden Autofahrt entfernt.

Organisationen:
pda:
Die Population & Comunity Development Association ist die grösste Nichtregierungsorganisation, die sich seit über 20 Jahren in Thailand aktiv ist. Der Gewinn ihrer Restaurants und Hotels (bekannt unter dem Namen „Cabbages & Condoms“) unterstützen sie diverse Hilfsprojekte in ganz Thailand. Dir Organisation betreibt in Chiang Rai ein Restaurant und in der Nähe von Chiang Rai ein kleines Resort. Das Büro in Chiang Rai bietet auch Trekking-Touren und Guides zu ihren Projekten in den umliegenden Bergdörfern. Ausserdem betreibt pda ein Hilltribe-Museum, in dem die Hintergründe und die Geschichte der einzelnen Völker erklärt wird.
www.pda.or.th/chiangrai/

Mae Fah Luang
Die königliche Stiftung betreibt unter anderem das Doitung-Projekt, in dem ehemaligen Opium Bauern neue Alternativen ermöglicht wurden.
www.maefahluang.org
www.doitung.org

Pascal Nufer, Journalist, Thailand

Verfasst von: swissasia | 14. Dezember 2008

Thailands Wirtschaft spürt die Krise

Steifer Wind für Thailands Wirtschaft

Thailandflagge

Thailandflagge

„Hamburger-Krise“ nennen die Asiaten die globale Wirtschaftskrise, die 2008 im Land von Bic Mac und Whopper ihren Ursprung nahm. Wie hat diese Krise eigentlich Thailand getroffen? Wohin führt sie? – Antworten von Andrew Batt, Chefredakteur der thailändischen Business Week

Andrew Batt, das Jahr 2008 neigt sich dem Ende etgegen, wie sieht die wirtschaftliche Situation Thailands aus?

Die Auswirkungen der „Hamburger Krise“ beginnen sich erst gerade so richtig zu zeigen hier in Thailand. Thailand war Anfang des Jahres nur knapp einer Blase entkommen. Die hohen Reispreise in der ersten Jahreshälfte haben das Land als größten Reisexporteur anfänglich noch vor dem globalen Wirtschaftsabschwung bewahrt. Zurzeit bekommt das Land aber gerade in diversen Wirtschafssektoren die Auswirkungen der Krise zu spüren. Das ist aber wohl erst der Anfang und es dürfte bis weit ins 2009 hineinreichen bis die Krise mit voller Kraft zuschlägt.

Das ist ja nicht die erste Krise, mit der Thailand zu kämpfen hat. Erst vor zehn Jahren wurde das Land durch die Asienkrise hart gebeutelt. War denn das Land durch diese eigenen Erfahrungen irgendwie besser vorbereitet auf die aktuelle Situation?

Ich glaube, die Erfahrungen der Asienkrise haben dem Königreich schon geholfen, besser auf die aktuellen wirtschaftlichen Probleme zu reagieren, als damals. Ich glaube aber, man kann die beiden Krisen nicht einfach direkt vergleichen, schon gar nicht mit dem was jetzt sonst noch alles passiert hier. Die Lektion, die thailändische Firmen aber damals gelernt haben ist sicher, dass sie zum heutigen Zeitpunkt viel weniger hoch verschuldet sind als damals und die Thai-Banken heute auch viel striktere Kriterien für Anleihen haben. Die aktuelle Krise wird aber wohl nicht schlimmer werden als die von 1997.

Sie haben es bereits angesprochen, die aktuelle Krise geht ja auch einher mit großen innenpolitischen Problemen. Was ist eigentlich die größere Gefahr im Moment: Die globale oder die nationale Krise?

Visionen braucht das Land

Visionen braucht das Land

Thailands politische Instabilität hilft sicher weder dem Vertrauen ausländischer Investoren, noch der gesamten Wirtschaftsstimmung. Abgesehen davon ist aber was in den letzten Monaten hier passiert ist sehr vergleichbar mit dem was rund um die Welt geschah. Die offene Frage ist aber: „Wäre es anders gewesen, wenn Thailand eben nicht auch noch gleichzeitig selber politisch eine instabile Lage gehabt hätte?“

Nachrichtenmeldungen von Bomben, geschlossenen Flughäfen und Demonstranten haben bereits zu vielen Annullierungen geplanter Thailandreisen geführt – und das ausgerechnet kurz vor Beginn der Hochsaison. Wie weit sehen Sie den Tourismus, als einen wichtigen Pfeiler Thailands Wirtschaft nun in Gefahr?

Der Tourismus macht etwa sieben Prozent des Bruttoinlandproduktes von Thailand aus, er ist also wichtig. Die aktuellen Nachrichten von Unruhen und Bomben haben verständlicherweise zu Annullierungen geführt. Wir wissen aber kaum vor dem zweiten Quartal des nächsten Jahres, wie schwer die Auswirkungen dieser aktuellen Unruhen für den Tourismus wirklich sein werden. Ich weiß von verschiedenen Hotels, die sehr tiefe Auslastungsraten haben und das eben zu Beginn der Hochsaison. Es ist wohl wirklich nicht gerade rosig, aber wohl auch nicht so schlimm, wie es einige befürchten.

Welche Möglichkeiten sehen Sie denn, dass in den nächsten Monaten da wieder einigermaßen eine Stabilität und damit auch Vertrauen hergestellt werden kann?

Stabilität muss unbedingt wieder hergestellt werden, sonst riskiert Thailand im Moment wirklich, wirtschaftlich abgedrängt zu werden. Persönlich hoffe ich, dass das besser schon heute als morgen passiert.

Eine wichtige Frage in diesem Zusammenhang ist da auch die Rolle des gestürzten Premierministers Thaksin Shinawatra. Er kündigte ja an, dass er im kommenden Jahr zurückkehren wolle in Thailands Politik. Glauben Sie, dass dies ein mögliches Szenario ist und dass er, wie er selber verspricht, die thailändische Wirtschaft noch einmal flott kriegen könnte?

Man muss klar sehen: Obwohl er ja vor mehr als zwei Jahren aus dem Amt gedrängt wurde, genießt Thaksin nach wie vor sehr große Unterstützung, vor allem außerhalb der Hauptstadt. Ich habe ihn früher in diesem Jahr in Dubai für „BusinessWeek Thailand“ selber interviewt. Damals sagte er noch, seine Tage in der Politik wären vorbei. Obwohl er nun seit kurzem wieder von einer Rückkehr spricht, glaube ich persönlich, dass dies nur Chaos mit sich bringen würde und wohl dem Land genau nicht die dringend benötigte Stabilität bringen würde.

Wenn wir diese Faktoren nun alle zusammenfassen, welche Prognose wagen sie für Thailands Wirtschaft fürs kommende Jahr?

Nun, dies ist die Frage, die jeder gerne beantwortet hätte. Thailands Wirtschaft wächst sicherlich weiter und zwar immer noch besser, als die von anderen Ländern in der Region. Aber: Ankündigungen wie zum Beispiel die Produktionskürzungen bei General Motors in Thailand sind wohl deutliche Anzeichen dessen, was wir fürs 2009 hier erwarten müssen. Ich glaube die Dinge werden wohl zuerst einmal noch schlechter, bevor sie wieder besser werden – die Frage ist leider nur: Wie schlecht wird es werden?

Interview: Pascal Nufer, Journalist, Bangkok

www.bangkokbugle.com

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